Ich habe vor kurzem das Buch „Working out Loud“ von John Stepper gelesen. Dabei hatte ich einige Aha-Momente, denn ich habe festgestellt, dass Stepper mit seinen fünf Elementen des Working out Loud (WOL) ein Konzept entwickelt hat, dessen Elemente mich in unterschiedlicher Intensität schon seit vielen Jahren begleiten, ohne dass ich sie als Gesamtkonzept hätte benennen können.
Diesen Blog habe ich 2004 gestartet. Schon damals habe ich als Erklärung für den etwas kryptischen Namen rete-mirabile.net erklärt:
Rete Mirabile ist lateinisch und bedeutet wörtlich „wundersames Netz“. In der Biologie steht der Begriff für eine bestimmte Anordnung von Blutgefäßen.
Ich habe den Begriff aber nicht aufgrund seiner biologischen Bedeutung gewählt. Die wörtliche Übersetzung als „wundersames Netz“ oder auch „wunderbares Netzwerk“ trifft schon eher den Punkt und kann auf zweierlei Art gedeutet werden:
- Unser Gehirn besteht aus einem wundersamen Netz unzähliger Neurone, die uns bei dem Versuch, die Welt zu verstehen, in der Regel recht gute Dienste leisten.
- Viele Menschen gemeinsam können die Fähigkeit eines einzelnen Gehirns beträchtlich erweitern, indem sie (mit oder ohne Computer) zusammenarbeiten und ihrerseits ein wunderbares Netzwerk bilden.
Der Name Rete-Mirabile.net ist also einerseits eine Hommage an das großartige Organ in unserem Kopf und andererseits eine Aufforderung (u.a. an Dich), Teil einer vernetzten „Denkgemeinschaft“ zu werden.
Beim Lesen von WOL ist mir klar geworden, das ich damit schon etliche Elemente des Konzepts formuliert habe. Das ist natürlich auch nicht allein auf meinen Ideen gewachsen. Die damals aufkommende Blogger-Szene und die sich etwas später entwickelnde Lehrer:innen-Blogger-Community war genau von diesen Gedanken inspiriert: Wir haben Dinge im Unterricht ausprobiert (meist im Kontext digitales Lernen und Arbeiten), haben darüber geschrieben und uns so gegenseitig Ideen gegeben, uns miteinander vernetzt und voran gebracht.
Dabei habe ich immer wieder interessante Leute und Ansätze entdeckt, mit der Zeit haben sich in den Kommentaren und auf Twitter unterschiedlich intensive Beziehungen ergeben: manche sind reine Online-Bekanntschaften geblieben, andere Leute hat man dann irgendwann mal persönlich getroffen. Durch die Offenheit und weitgehende Authentizität der Kommunikation hatte man aber auch bei reinen Online-Beziehungen bald das Gefühl, das Gegenüber zu kennen und einschätzen zu können, wie er oder sie als Lehrer:in und Mensch tickt. In vielen Situationen haben Leute großzügig Material, Wissen und Hilfe angeboten, was gerade in den Anfangsjahren digitalen Arbeitens sehr hilfreich war. Und schließlich wurden viel Material und viele Ideen im Netz sichtbar gemacht – in Blogs, Wikis, auf Twitter –, worauf man bei Bedarf zurückgreifen konnte, wenn man etwas brauchte.
In dieser Darstellung sind vier der fünf Elemente von WOL schon klar beschrieben:
- Purposeful Discovery: Sich gezielt auf die Suche nach Themen, Menschen und Möglichkeiten machen, die zum eigenen Ziel passen – statt passiv darauf zu warten, dass sich etwas ergibt.
- Relationships: Echte Beziehungen aufbauen, nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Grundlage für gegenseitiges Lernen und Unterstützung.
- Generosity: Anderen etwas anbieten – Wissen, Aufmerksamkeit, Hilfe –, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten.
- Visible Work: Die eigene Arbeit sichtbar machen, auch und gerade im unfertigen Zustand, damit andere davon lernen oder darauf aufbauen können.
- Growth Mindset: Die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Anstrengung und Feedback wachsen – und die Bereitschaft, sich öffentlich als Lernende:r zu zeigen.
Das fünfte Element „Growth Mindset“ ist mir zuerst 2012 in Carol Dwecks Buch „Mindset“ begegnet, das ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.
„This growth mindset is based on the belief that your basic qualities are things you can cultivate through your efforts. Although people may differ in every which way – in their initial talents and aptitudes, interests, or temperaments – everyone can change and grow through application and experience.“ — Carol Dweck: Mindset
Es ist eines der Bücher, die meine Perspektive auf die Welt, vor allem auf die Menschen, mit denen ich zu tun habe, grundlegend positiv verändert haben. Umso schöner ist es, dass auch Stepper das Prinzip des Growth Mindsets als zentrales Element von WOL formuliert. Es passt natürlich auch sehr gut zu seinem Ansatz des persönlichem Wachsens durch Austausch, Lernen und das Sichtbarmachen der eigenen (unfertigen) Arbeit:
„The passion for stretching yourself and sticking to it, even (or especially) when it’s not going well, is the hallmark of the growth mindset. This is the mindset that allows people to thrive during some of the most challenging times in their lives.“ — Carol Dweck: Mindset
An Working out Loud spricht mich an, dass es zwei Dinge verbindet, die manchmal als Gegensätzlich empfunden werden: (1) großzügig eigene Beiträge für den Nutzen anderer zur Verfügung zu stellen und (nicht „aber“) (2) dabei auch das eigene Wachsen und Weiterkommen nicht vernachlässigen.
„WOL isn’t about megaphones and self-promotion. It’s about offering something of yourself as a gift, about being helpful without the expectation of applause.“ – John Stepper: Working Out Loud
Der zweite Aspekt ist dabei nicht das zentrale Ziel, sondern ein zuverlässig eintretender und erwünschter Nebeneffekt.
„It seems counterintuitive, but the more altruistic your attitude, the more benefits you will gain from the relationship.“ — Reid Hoffman, zitiert in Working Out Loud
Das heutige Internet
Das Internet hat sich in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Blogs sind in vielen Bereichen kommerziell geworden; die Lehrer:innen-Blogger-Community hat sich ausgedünnt, der Spirit, die Speerspitze digitaler Lehrer:innen zu sein, ist verflogen – u.a. weil inzwischen sehr viele Kolleg:innen digital arbeiten; durch Social Media ist es unüblich geworden, unfertige Ideen zu publizieren – auf den großen Plattformen gibt es an Material nur Geschliffenes und Poliertes; Twitter ist kein Ort des respektvollen und konstruktiven Austauschs mehr; durch Kommerzialisierung ist das großzügige Teilen von Materialien eine Nebenerscheinung geworden: fast jeder, der etwas entwickelt, will es auf eduki oder sonstwo verkaufen. (Diese Darstellung ist überspitzt, im Kern aber meines Erachtens korrekt).
Trotzdem …
Aber: die Prinzipien von WOL sind weiterhin gut, sinnvoll, erstrebenswert und vor allem: für die Person, die sie praktiziert und für ihre vernetzten Personen, nützlich und hilfreich.
Insofern habe ich mich nun neulich auf LinkedIn angemeldet. Das ist zwar auch eine kommerzielle Plattform eines Mega-Digitalkonzerns, aber es scheint abseits von shameless self-promotion auch Nischen von echtem, interessiertem, thematisch fokussiertem Austausch zu geben, der alle Beteiligten weiterbringt. Außerdem habe ich mir vorgenommen, hier wieder regelmäßiger zu schreiben, Ideen und Gedanken sichtbar und hoffentlich auch anschlussfähig zu machen und damit den Spirit von WOL wieder mehr zu kultivieren.
Und Ihr so?
Was ist Eure Perspektive? Würde mich sehr interessieren!

LinkedIn scheint in letzter Zeit nicht sonderlich vertrauenswürdig zu sein.
https://share.transistor.fm/s/8e6279e4