Muss mein Kind aufs Gymnasium?

muss-mein-kind-aufs-gymnasium.jpgMuss mein Kind aufs Gymnasium?, fragt Christian Füller im Titel seines Buches – und als Leser weiß man natürlich schon bevor man mit der Lektüre beginnt, dass die Antwort nicht „Ja“ lauten wird. Wie sie am Ende lautet, ist allerdings nach der Lektüre des Buches auch nicht ohne weiteres klar. Es geht in dem Buch zwar auch um die Frage, welche Schulform im individuellen Fall die richtige sein könnte, aber es ist nicht – wie der Titel und auch der Untertitel „Bildungserfolg ohne Druck“ vermuten lassen – ein Ratgeber für Eltern, die sich diese Frage stellen.

Stattdessen skizziert Füller die historische und aktuelle Entwicklung der deutschen Bildungslandschaft. Er beginnt bei der „Flucht ins Abitur“, dem Anstieg der Abiturientenzahlen um 47 % in den zehn Jahren nach der ersten PISA-Studie. Er erläutert in „Sterbende Hauptschule“ den Niedergang dieser Schulform, welcher hauptsächlich durch die ausbleibenden Anmeldungen verursacht wird. Anschließend stellt der im Kapitel „Slow-Abi – Die Lernrevolution“ die integrierten Schulformen ausgiebig dar. Dieser Teil des Buches ist meines Erachtens der Wichtigste, denn hier steckt die implizite Antwort auf die Frage des Titels. Füller beschreibt die verschiedenen Varianten der Gemeinschaftsschulen (die in manchen Bundesländern anders heißen) und was sie ausmacht. Das wichtigste Merkmal dieser Schulform ist – das wird immer wieder deutlich – das individuelle, eigenverantwortliche Lernen. Füller hat verschiedene Schulen besucht und beschreibt lebhaft und anschaulich erhellende und interessante Einzelfälle von Schüler/innen, die mit dieser Schulform hervorragend zurechtkommen. Dabei wird auch klar, was für Füller der Hauptunterschied zwischen dem Gymnasium und den integrierten Schulformen ist: Während das Gymnasium aus seiner Sicht auf Auslese setzt, geht es der integrierten Schule um individuelle Förderung.

Weiter Kapitel beschäftigen sich mit dem „Turbo-Abi“ am Gymnasium, mit der Inklusion und mit digitaler Technologie in der Schule. Die Darstellung ist lebhaft, anschaulich, gut recherchiert und in der Regel gut belegt. Die Fußnoten verweisen auf interessante und erhellende Quellen. Ich habe das Buch gerne gelesen, es hat meinen Blick auf die deutsche Bildungslandschaft enorm erweitert und mir u.a. eine historische Perspektive gegeben, die ich in dem Maß vorher nicht hatte.

Allerdings bringt die lebhafte Beschreibung von Einzelbeispielen auch gravierende Nachteile: Füller hat für seine Recherche einzelne Schulen besucht und dort mit einzelnen Menschen gesprochen. Vor allem bei den integrierten Schulen waren seine Kontaktpersonen in der Regel Vorreiter-Schulleiter, Pionierlehrer/innen und herausragende Schüler/innen. An diesen „demonstriert“ Füller, welche herausragenden Bildungserfolge in der integrierten Schule möglich sind. Auf der anderen Seite zeigt er beim Gymnasium die eher farblosen Akteure oder – wie am Beispiel Bayerns – die Bundesländer, in denen eine Kooperation über Schulformen hinweg nicht oder nur wenig stattzufinden scheint.

So entsteht ein sehr einseitiges Bild. Hätte Füller sich an einer 08/15-Gemeinschaftsschule umgeschaut, dort wenig motivierte Schüler/innen befragt, hätte er mit einer progressivem Gymnasialschulleiterin gesprochen und kreative Projekte an einem aufgeschlossenen Gymnasium beschrieben, wäre sein Bild differenzierter ausgefallen. Die Trennung zwischen „fördernde Gemeinschaftsschule“ hier und „auf Auslese und Druck setzendes Gymnasium“ dort wäre weniger deutlich geworden und die implizite Antwort auf die Titel-Frage weniger klar. Das Buch hätte dem Leser mehr Graustufen zugemutet, wäre aber auch näher an der allzu vielfältigen Realität der deutschen Schulen gewesen.

Außerdem kann ich Füllers Empfehlung für das Gymnasium nicht teilen: Er hält es für falsch, am Gymnasium auch handwerkliche Fähigkeiten zu integrieren, wie das z.B. in den aufkommenden Makerspaces oder in Baden-Württemberg im Fach Naturwissenschaft und Technik (NwT) der Fall ist. Für ihn sollte das Gymnasium ein Ort theoretischer Kontemplation sein – auch und vor allem über die gesellschaftlichen Konsequenzen der Digitalisierung. Diese Forderung geht meines Erachtens an der Realität vorbei. Denn einerseits ist die Schülerschaft des Gymnasiums inzwischen sehr heterogen – und unter diesen Schüler/innen sind eben bei Weitem nicht nur solche, die sich gerne theoretisch-abstrakt mit den Unterrichtsthemen beschäftigen. Es kommen auch sehr viele, die (auch) gerne praktisch arbeiten, die vielfältige Talente haben und diese in ihrer Schule auch einbringen möchten. Darüber hinaus halte ich die Trennung in Theoretiker auf der einen und Praktiker auf der anderen Seite für falsch. Es kann das Leben einer künftigen Anwältin oder eines künftigen Oberarztes nur bereichern, wenn sie oder er in der Schule auch schon mal einen Getränkeautomat aus Holz gebaut und mit Hilfe eines Mikrokontrollers programmiert hat. Und bei künftigen technischen Berufen in den Ingenieurswissenschaften ist es noch mehr angezeigt, dass die Schüler/innen frühzeitig auch konstruktiv denken und handeln lernen.

Natürlich soll das Gymnasium ein Ort sein, wo Schüler/innen das kritische Reflektieren lernen. Es aber darauf zu reduzieren, halte ich für falsch. Denn auch wenn man noch so sehr für die integrierten Schulen plädiert: Es werden immer noch sehr vielfältig begabte Schüler/innen aufs Gymnasium kommen, die entsprechend auch vielfältige Angebote brauchen.

Fazit

Ob „mein Kind“ aufs Gymnasium muss, ist nach der Lektüre des Buches nicht ganz klar. Die Beantwortung dieser Frage sehe ich aber auch nicht als Stärke des Buches, auch wenn der Titel dahingehend etwas unglücklich gewählt ist. Füllers Buch ist ein historischer, politischer und teilweise pädagogischer Abriss der deutschen Bildungslandschaft, der interessante und erhellende Einblicke liefert. Insofern ist das Buch für Leser/innen interessant, die diese Landschaft verstehen möchten und weniger für solche, die als Eltern Orientierung beim Navigieren dieser Landschaft suchen.

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